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Horst Schwickerath im Gespräch mit Frank Ostoff
Teil 1 | Teil 2 |  Teil 3
Aus 'Aikido' - members.xoom.com/AikidoOnline
Herausgeber: Horst Schwickerath


Frank OstoffWie alt bist Du jetzt?
Am 3.12. 97 hatte ich meinen 40. Geburtstag.

Na, dann noch meinen herzlichsten Glückwunsch nachträglich, zum Eintritt in die Domäne der UFUS! Frank, wann hast Du das erstemal etwas von Aikido gehört?
1982 habe ich in Oldenburg die Meisterschule für das Mechanikerhandwerk besucht. An der Universität wurde ein Aikidokurs angeboten und der Artikel dazu hat mich spontan sehr angesprochen, so daß ich direkt die erste Stunde besucht habe und meinem ersten Lehrer begegnet bin Wolfgang Sambrowsky. Diese erste Stunde hat mich stark beeindruckt ein völlig neues Körpergefühl und eine enorme geistige Entspannung so dass ich mich sofort angemeldet habe. Einmal pro Woche reichte mir jedoch nicht und Wolfgang hat mich daraufhin in sein Dojo eingeladen. Ein tolle Sache war das. Jeden Morgen von 07.00 08.00 Uhr habe ich dann seinen Untericht besucht und am Abend nach der Schule war ich wieder im Dojo.

Was bist Du von Beruf?
Mechanikermeister (allgemeine Mechanik). Ich war lange Zeit in der
Schiffsbetriebstechnik tätig, davon 4 Jahre Seefahrtzeit, dann in der
Motorradbranche als Werkstattleiter, Ausbilder, Verkauf etc.. Die letzten
Jahre habe ich die berühmten Harley Davidson Motorräder verkauft und
repariert.

Hattest Du vorher nie Kontakt zu Budo?
Nein, die Kampfkünste haben mich nie interessiert, jedoch die japanische
Kultur.

Was interessierte Dich damals an der japanischen Kultur?
Der Zen-Buddhismus; deswegen gefiel mir die Verbindung von Zen und Aikido auch so gut. Na ja, und die japanische Motorradtechnik, sie überholte zu der Zeit gerade alle europäischen Marken sowie die Schlichtheit und Anmut von japanischem Design.

Warum hat Dich, 1982, in Oldenburg das Aikido »gestochen«, sprich »angemacht? Wie siehst Du das aus heutiger Sicht?
In Oldenburg hatte ich mich nur nach einer Gelegenheit, umgeschaut, um Sport treiben zu können und fand Aikido deshalb so interessant, weil ich nicht verstand, was wir dort wirklich machten. Wolfgang Sambrowsky schaffte eine so intensive Atmosphäre von Präsenz und verstand es, gleichzeitig Spass an der Bewegung auszulösen. Bis dahin hatte ich immer Sport betrieben, war recht muskulös und hatte gute Kondition, aber das nützte mir in dem Moment nichts, das empfand ich als grösste Herausforderung. Selbst kleine Frauen konnten mich locker werfen und ich hatte die grösste Mühe, die Bewegung auszuführen.
Zu der Zeit war gerade die grosse Bio-Welle, man backte selbst Vollkornbrot und aß jeden Tag Körnermüsli, d. h. ein grösseres Bewusstsein für das Leben entstand und besonders hat mich der spirituelle Teil des Aikidos berührt. Vor jedem Morgentraining wurde in Oldenburg ZaZen praktiziert und das war auch eine völlig neue Erfahrung für mich. Dieses Gefühl von besonderer Schwingung hat sich bis heute für mich erhalten, wenn immer ich auf einen Lehrgang gehe oder ein neues Dojo betrete, empfinde ich diese Bereitschaft, zu suchen, einen anderen Weg zu gehen als im Alltag. Sicher hat sich mein Aikido völlig verändert und ich habe heute viel mehr Einsicht in die Abläufe im Aikido, aber ich bin immer bemüht, diese Atmosphäre von damals zu erhalten. Es kommt mir immer so vor, als hätte gestern erst alles begonnen.

Wie lange bist Du nach Deiner »Aikido-Infektion« in Oldenburg geblieben?
Noch zwei Jahre, dann ging ich nach Hamburg und wurde Teilhaber einer BMW-Motorradvertretung. Genau zu dem Zeitpunkt eröffnete Lothar Darjes, ebenfalls ein Schüler von G. Walter (und natürlich Asai Sensei), sein Dojo in der Bernsdorffstrasse. Ich fand eine Wohnung genau gegenüber vom Dojo und trainierte von da an jeden Morgen und jeden Abend.

Wie emfindest Du heute Deinen ersten Lehrerwechsel, nach Deinem Umzug nach Hamburg?
Der Lehrerwechsel in Hamburg war unerheblich, da beide Lehrer Schüler von G. Walter waren und ich als Anfänger den Unterschied noch nicht erkannte. Da das Dojo von Lothar in Hamburg gerade im Aufbau war, bekam ich natürlich schnell eine Möglichkeit einer Beteiligung, als doch relativ fortgeschrittener Schüler. Ich unterstützte Lothar besonders bei den Anfängerkursen und wir wurden gute Freunde.
Für mich war Gerd Walter das grosse Aikido-Idol. Nach ca. 2 Jahren Selbständigkeit und harter Arbeit stellte ich mir die Frage, wofür das alles, da ich auch keine Familie zu versorgen hatte. Ich war noch unter 30 Jahren und sagte mir, es ist besser, seine Träume jetzt zu verwirklichen. So entschied ich mich nach Berlin zu ziehen und meine ganze Zeit dem Aikido-Unterricht von Gerd Walter zu widmen. Er nahm mich auch als Schüler in seinem Dojo auf und es gelang mir in kurzer Zeit in den inneren Kreis der Schüler zu gelangen jeden Tag zweimal Training und am Wochenende bin ich zu jedem Lehrgang als Uke mitgefahren.

Frank, Du bist hauptberuflicher Aikidolehrer. Wie wird man das?
Indem man ein Dojo gründet, fleissig unterrichtet, gute Schüler findet, einen Lehrer hat der einen unterstützt und motiviert, dankbar für die Freunde ist, die einen ständig antreiben und bekräftigen und dann irgendwann die Entscheidung trifft, an die Sache zu glauben, die man täglich unterrichtet und dieser Sache alle Energien widmet.
Ich bin seit 2 Jahren jetzt hauptberuflich als Aikidolehrer tätig, ohne einen weiteren Nebenjob. Mein Idealismus war von Anfang an sehr stark, denn ich glaube, das die Philosophie von Aikido sehr nützlich für unsere Gesellschaft ist. In meinem Herzen bin ich immer ein kleiner Robin Hood gewesen und alles, was unsere Gesellschaft in Frage stellt, finde ich sehr interessant.

Wie fühlt sich der »Robin Hood«, der ausgerechnet im Dojo von Meister Asai seinen Unterricht abhält?
Ich war schon immer ein »Robin Hood-Typ. Ein Auflehnen gegen bestehende Systeme oder ein in Fragestellen von rigiden Mustern ist meine Natur. Aber es waren seine alten Räume und das wusste ich nicht, als ich die Räume anmietete, erst als ich die Adresse am Telefon Gerd Walter mitteilte, fing er laut an zu lachen. Man muss sich vorstellen. dass zu der Zeit, als ich in Berlin war, das Dojo von Gerd Walter die absolute Aikido-Hochburg in Deutschland war und für mich gab es nie einen Grund, zum Lehrgang nach Düsseldorf zu fahren. Meister Asai kam ja sowieso zweimal im Jahr nach Berlin. Ich bevorzugte Lehrgänge bei Meister Yamaguchi oder Meister Tamura.
Das Dojo war in einem fürchterlichen Zustand als ich es anmietete und ich habe drei Monate damit verbracht die Räume zu renovieren und Licht und Luft in die Räume zu bringen. Ich denke mit Erfolg, so haben mir jedenfalls viele alte Asai Schüler berichtet. Ausserdem empfand ich es als eine Herausforderung hier vor Ort einen Kontrapunkt zu bieten. Als ich aus Frankreich zurück kam, nachdem ich ein Jahr im Dojo von Christian Tissier geübt hatte, war mir eh klar, dass in der Methode des Unterrichtens und dem Kontakt zum Partner ein grosser Unterschied zu-dem liegt was Meister Asai macht. Ich könnte jetzt Seiten darüber schreiben wie ich Meister Asai empfinde, ich denke jedoch, es ist besser zu handeln und durch stetes Bemühen ihm zu zeigen, dass es auch eine andere Art der Verständigung gibt.
Mittlerweile ist das Dojo gut gewachsen und wenn ich mir die Mitgliederzahl anschaue (150) und mit der von seinem Dojo vergleiche (ca. 200) dann bin ich guter Dinge. Ich bin jedenfalls sehr froh über meine Entscheidung, dass ich mich früh aus seinem Einfluss gelöst habe, die Welt ist so gross.

Die Motoradteilhaberschaft ist demnach nicht von langer Dauer geblieben?
Nein, cirka 1,5 Jahre. Zu der Zeit hatte ich keine Familie, keine Verpflichtungen und ich sah keinen rechten Sinn darin, all meine Energie in ein Geschäft zu stecken, wenn doch die Chance da war, etwas ganz anderes zu leben. Trotzdem war es eine gute Zeit und ich habe meinen Beruf mit ganzem Herzen ausgeführt. Das Motorradfahren hat mich völlig begeistert und ich bin noch einige Jahre später mit dem Motorrad zu den Lehrgängen gefahren. Als ich jedoch damit aufhörte, wurden meine Schultern weicher und das war besser für das Aikido. Heute fahre ich nur noch im Urlaub, ganz wenig und nur bei Sonnenschein.

In unserem Vorgespräch sagtest Du, dass 1985 die ersten Probleme mit Meister Asai entstanden sind. Habe ich richtig verstanden, dass »zuviel Einfluss von Gerd Walter« eine entscheidende Rolle spielte?
Ich denke, alle wissen um die Geschichte von Meister Asai. Er ist ein "Machttyp" und kann keine anderen "Götter" neben sich haben. Ich möchte nicht zuviel in den alten Geschichten herumgraben. Für mich gab es einige
Situationen, die meine Entscheidung beeinflussten.

  • Wenn immer man auf einem Lehrgang von Meister Asai war, wurde man in Kleinigkeiten korrigiert, mit dem Hinweis auf G. Walter obwohl sich alle Schüler aus Berlin am besten bewegten.
  • Auf einem Lehrgang in Berlin im Dojo von Gerd machte Asai Sensei einen Lehrgang und er bat Gerd Walter um Ukemi , dann fing er an, sich so wild sich bewegen, dass G. Walter einfach nicht Kontakt halten konnte und man die Disharmonie zwischen den beiden deutlich sah.

Von da an sagte ich mir, werde ich mich für einen Lehrer entscheiden und das war Gerd Walter. Er hatte viel mehr zu bieten und war intellektuell Meister Asai völlig überlegen. Als damals 7. Dan hat man meiner Meinung die Verpflichtung, sich mit seinen Schülern kreativ auseinanderzusetzen und auch an sich zu arbeiten. Die Chance hat er nicht genutzt.
Ich habe auf dem Lehrgang dann noch den 1. Kyu bei Meister Asai gemacht und mich danach vom »Aikikai« abgemeldet. Zwei Jahre später habe ich dann die Danprüfung bei G. Walter abgelegt. Zu der Zeit gab es nur den  Dan im Aikido, es gab ja noch keinen Verband oder ein Dan System, ich fand das damals sehr gut und hatte keine Probleme damit. Später hat dann Meister Yamaguchi die Prüfung anerkannt und als »Hombu Dan« umgeschrieben.

Ich unserem Vorgespräch erwähntest Du, dass Du 1987 durch Gerd die Sensei Tamura und Yamaguchi kennenlerntest und Dich später für Yamaguchi entschieden hättest. Wo lag für Dich der Unterschied zwischen den beiden, weshalb die Entscheidung?
Das ist sehr schwer zu beantworten die Entscheidung kam mehr vom Bauch oder aber auch durch den Einfluss eines Schülers von Gerd, Klaus Gregor. Er fuhr zu der Zeit die ersten Male nach Japan und trainierte nur bei Yamaguchi Sensei und immer wenn er ins Dojo nach Berlin zurück kehrte, konnte man eine grosse Veränderung erkennen. Ich persönlich war vielleicht dreimal auf Lehrgängen von Tamura Sensei und mir hat es immer gut gefallen. Er war zu mir sehr nett und wir haben in La Colle öfters am Strand gesessen und geredet. Was in Berlin immer auffiel, wenn jemand vom Lehrgang mit Tamura Sensei zurückkehrte, war sein Griff. Er war sehr fest und unbeweglicher was überhaupt nicht ins Konzept von Gerds Lehre passte. Auf den Lehrgängen mit Yamaguchi Sensei wurde mehr bewegt und was mich immer besonders faszinierte, war, dass der Uke sich soviel bewegen musste, um den Kontakt zu halten. Er spielte immer mit uns , wie die Katze mit der Maus. Na ja so ungefähr.
Der persönliche Kontakt kam erst später, aber seine Bewegungen, die so deutlich die Schwerttechniken zeigten, waren wunderschön und als ich das erste mal Ukemi geben durfte, wurde ich einfach bewegt, ohne zu wissen warum. Eine Berührung im tiefsten Inneren, direkt im Zentrum. Wenn wir zurückkehrten von seinen Lehrgängen, versuchten wir immer, seine Bewegungen zu kopieren und Gerd wurde immer sehr ärgerlich. Er meinte immer, dass uns dazu noch die Basis fehlte. Ich aber glaube, dass er die Lehre von Yamaguchi Sensei nicht richtig verstanden hat. Auch Christian Tissier hat damals immer gesagt, wir müssten hart arbeiten. Aber ich glaube, es ist nicht nur das. Heute und mit Hilfe von Endo Sensei verstehe ich etwas besser, was er meinte. Warum sollen wir uns erst hart machen, um dann wieder weich zu werden. Für viele ist es schon zu spät zu viele Verletzungen, die man nicht mehr richtig heilen kann.
Ich glaube, es ist besser, weich zu üben und vor allem eine gute Ukemi-Schule zu unterrichten. Yamaguchi Sensei war sehr wählerisch in der Aus-wahl seiner Uke und wenn man nicht voll präsent war, spürte er es sofort und liss einen einfach stehen. Diese volle Präsenz mit ganzem Herzen da sein, völlig offen für neue Dinge das hat mich so begeistert. Über Tamura kann und möchte ich nicht mehr sagen, da ich ihn nicht besonders kenne. Nur heute fällt mir eben auf, das seine Schüler ein anderes Verständnis von Ukemi haben und nur wenig das Zentrum fühlen. Aber das nur am Rande.

Nun, da Du Tamura nicht so gut kennst und Du jetzt nicht weiter darüber sprechen möchtest, will auch ich jetzt darauf nicht weiter eingehen. So war es wohl das natürlichste, dass Du irgendwann auf Christian Tissier gestossen bist
Im November 88 habe ich Christian Tissier zum erstenmal getroffen. Es war sein erster Lehrgang in Deutschland in Köln. Es war für uns eine völlig neue Welt von Aikido-Didaktik und Ukemi-Informationen aus der nebulösen Esoterikwelt in eine glasklare Logik verbunden mit viel Energie, Kampfgeist und völliger Weichheit. Das erste mal seit langer Zeit waren wir als Eliteschüler aus Berlin an unseren Grenzen. Die freundliche und gleichzeitig sehr sichere Haltung von Christian nahm uns gefangen und wir machten Zukunftspläne, wann wir nach Paris gehen. Mein bester Freund, Daniel Burda, er war der grosse Freigeist am Mehringdamm (Dojo Gerd), brach als erster auf nach Paris. Genau zwei Wochen nach diesem Lehrgang. Er berichtete per Telefon von einer völlig neuen Welt und kam im Dezember zum Jahreswechsel sehr verändert zurück. Plötzlich hatten seinen Bewegungen einen Kern eben das, was wir immer gesucht haben. Ich habe ihn dann an einigen Wochenend-Lehrgängen in Paris besucht und im Sommer 89 seine Wohnung im Herzen des Marais übernommen, um
dort für ein Jahr zu leben und zu üben.

Du sagtest eben, »aus der nebulösen Esoterikwelt... ...waren wir
Eliteschüler aus Berlin an unseren Grenzen«. Kannst Du das näher
beschreiben? Ich meine, ich habe früher, wie Gerd und Du auch, bei Asai trainiert, ich würde aber nie behaupten, dass es da in irgendeiner Form um Esoterik ging. Also muss doch wohl »in der Umgebung« von Gerd, ein spezielles Aikido« betrieben werden?

Damit meinte ich vor allem die Erklärungsmuster für den Ablauf der Techniken. Natürlich wurde bei Gerd ein spezielles Aikido betrieben: Viel Reden über Zen und einfach nur machen. Aber sonst gab es keine Erklärungen eins sein im hier und jetzt. Was ja sicher auch okay ist, aber didaktisch nicht sehr hilfreich ist. Und das Aikido von Meister Asai lief genauso ab: Den Körper und die Gelenke um jeden Preis irgendwie verbiegen, aber ja nicht festhalten oder stabil im Zentrum sein. So habe ich es jedenfalls empfunden, der Dauerlauf hinter der Hand.

Weshalb oder wie war der Kern in der Bewegung Deines Freundes Daniel zu erkennen. Wodurch unterschied sich Daniel neu von Euch?
Dass er seine Hüfte richtig einsetzen konnte und in der Bewegung ganz weich war und im Zentrum stabil. Seine Angriffe waren sehr stark, aber totzdem weich. La force et la souplesse laut Tissier. Ausserdem warf er nicht mehr über die Gelenke, was sehr auffällig war, sondern berührte den Partner im Zentrum. Nicht perfekt, aber wir spürten einen grossen Unterschied. Denn bei Gerd und Asai ging es immer über den Schmerz in den Gelenken und mit viel Geschwindigkeit. Wir hatten bis dahin noch nichts von dem Prinzip gehört, wie es auch im Hombu Dojo unterrichtet wird: Kontakt aufnehmen, den Partner aus der Balance führen und dann erst werfen. Und Tissier konnte das eben wunderbar vorführen und erklären.

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Last updated: April 16, 2002