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Horst Schwickerath im Gespräch mit Frank Ostoff Teil 1 | Teil 2 | Teil 3
Aus 'Aikido' - members.xoom.com/AikidoOnline
Herausgeber: Horst Schwickerath
Wenn Du Dich an die erste Zeit mit Meister Yamaguchi erinnerst, wie siehst Du da das Verhältnis "Tissier-Gerd-Asai-Euer-Empfinden"? Denn für mich war Yamaguchi, die drei Male, die ich ihn gesehen hatte, wie ja eigentlich kann ich nur sagen wie jemand nicht erfassbares. Ähnliches empfand ich allerdings auch, als ich ca. 1976 Tamura das erste Mal sah.
Für mich war er auch nicht erfassbar, aber was mir sofort auffiel war, daß er immer mit dem Partner fühlte, sein Zentrum lenkte, manchmal sehr abstrakt aber okay. Der Uke musste in Höchstform sein und alles war weich und scharf zugleich. Es war alles einfach völlig anders beziehungsweise sehr viel realistischer. Man konnte sofort erkennen wie das Verhältnis des Uke zu Meister Yamaguchi war und das war faszinierend zu sehen. Egal wie hart der Angriff war, er lachte immer und konnte alles weich aufnehmen und umlenken. Halt mit sehr viel Gefühl und das habe ich oft zu spüren bekommen, wie sensibel Meister Yamaguchi war. Kleinste Unaufmerksamkeiten und schon läßt er einen für den Rest des Lehrgangs stehen die Chance verpasst: "Keine Frage von Kondition oder Schinderei, einfach nur volle Aufmerksamkeit" viel interessanter, als bei Meister Asai.
Ich erinnere mich, als ich Meister Yamaguchi, das erste Mal sah. Es war in Mannheim und ich war noch ein ziemlicher Anfänger. Zum ersten Mal wurde ich so richtig mit der japanischen "Realität" konfrontiert, will sagen: "Zum einen vergab er einem einjährigen Aikidoka den Sho-Dan, zum andern fingerte er nach der Prüfung aus seinem Hakama ein Päckchen Zigaretten, um auf der Matte "eine" zu inhalieren (möglicherweise ja wegen der Qualität der Prüfung!).
Diese beiden "Freiheiten" haben mich doch ziemlich geschockt. Du siehst, ich kenne wenig, ja eigentlich überhaupt nicht viel von Meister Yamaguchi. Was kannst Du über die Arbeit von ihm sagen?
In Anbetracht seiner außerorentlichen Leistung im Aikido und seines frühen Todes würde ich es schön finden, wenn du deine Frage etwas umformulierst. Ich denke, wir sollten ihm gegenüber grossen Respekt zeigen.
Natürlich hast du recht mit deiner Beobachtung, er hat geraucht wie ein Schlot und literweise Kaffee getrunken, d.h. nach unserem Verständnis nicht sehr gesund und meisterlich gelebt. Ausserdem war er sehr schwierig zu verstehen und recht launisch, aber trotz alledem, wenn er die Matte betrat, verwandelte sich die Atmosphäre, so dass es einem manchmal schauderte. Mir war jedes mal ganz flau im Bauch, wenn das Training begann und immer wieder tauchte dieses Gefühl auf, obwohl die Stimmung sehr entspannt war und er dauernd lachte. Ich denke, jeder von uns hat seine Erfahrungen mit ihm gemacht und sein Bild von ihm.
Für mich wurde nur nach einiger Zeit klar, dass gerade wir Aikidolehrer aus Deutschland ein grosses Kommunikationsproblem mit ihm hatten und viele Leute seine Lehre missverstanden haben. Niemand von uns sprach japanisch und unsere Unterhaltung war ein dürftiges Kauderwelsch aus Englisch und Japanisch. Ein grosser Teil an Phantasie kam immer mit ins Gespräch, besonders wenn es um Aikido ging und jeder baute sich seine eigene Geschichte. Ausserdem hatte Meister Yamaguchi nach dem Training auch immer etwas zu sagen und wusste um alle Themen in dieser Welt Bescheid. Zum Aikido gab er uns oft sehr gute Ratschläge oder seine Meinung. Er konnte bis spät in die Nacht reden, immer mit voller Präsenz. Er war an allem interessiert. Besonders beeindruckend war, dass er manche Informationen ein Jahr später direkt wieder aufgriff und genau wusste, was man machte, wo man trainiert etc..
Wenn ich heute ein Video mit Yamaguchi Sensei sehe, dann bin ich jedes mal tief beeindruckt und seine Art, sich zu bewegen, erscheint tagelang vor meinem geistigen Auge. Nach seinen Seminaren in Europa hatte ich immer monatelang die Energie und Inspiration, mich so weich und entspannt zu bewegen, wie er es vorgeführt hat, d.h. ich habe es von ganzem Herzen versucht. Solch starken Einfluss habe ich seitdem nicht mehr gefühlt und nun sind wir gezwungen, unsere eigenen Kräfte zu mobilisieren, d.h. seine Idee fortzusetzen, bei uns selbst zu suchen und ganz ehrlich zu uns zu sein, bis wir wirklich als ganzer Mensch auftauchen. Wenn uns das gelingt, dann haben wir sicher viel von seiner Lehre verstanden.
Bist du auch zu Yamaguchi Sensei nach Japan gereist?
Ja, die erste Japanreise galt Yamaguchi Sensei. Zusammen mit Patrick Benezi, einem Meisterschüler von Christian Tissier, reiste ich 1991 nach Japan. Yamaguchi Sensei hatte uns zu einem Seminar in Südjapan eingeladen. Das war ein grossartiges Erlebnis und wir konnten viel Zeit miteinander verbringen. Wir fuhren mit dem Shinkansen nach Kyushu, verbrachten eine Nacht in einem wundervollen Ryokan mit heisser Quelle und redeten stundenlang. Der Lehrgang war zu unserer Überraschung sehr klein und es wurde nur sehr wenig geübt. Die meiste Zeit verbrachten wir mit Essen und Trinken. Dagegen waren seine Lehrgänge in Europa richtig anstrengend und von höherem Niveau.
Im Sommer 89 bist Du, wie Du sagtest nach Paris gegangen. Für wie lange? Hast Du immer im Lotto gespielt oder wie ist es machbar, "einfach so" nach Paris zu gehen?
Nach dem Sommerlehrgang mit Christian Tissier bin ich direkt nach Paris
gegangen. Durch meinen Freund Daniel und dank Beziehungen konnte ich in einer kleinen sehr einfachen Wohnung mitten im Marais (Altstadt von Paris) wohnen. Es gab dort keinen Luxus, aber zwei Zimmer mit Toilette im Innenhof und einer Bäckerei direkt vor der Haustür. Es war eine wunderschöne Zeit. Jeden Tag habe ich Spaziergänge zur Seine unternommen und Paris in vollen Zügen genossen. Mit der Metro konnte ich innerhalb von 20 Minuten nach Vincennes fahren und täglich am Training teilnehmen.
Zu der Zeit war Christian Tissier noch jeden Tag im Dojo, ausserdem kümmerten sich mehrere seiner Schüler um mich und luden mich regelmässig in ihre Dojos ein. Ich konnte z.B. auch einmal pro Woche an der Universität mit Patrick Benezi üben und an den Wochenenden begleitete ich Christian auf seinen Lehrgängen. Das war eine sehr intensive Zeit. Ich hatte vorher Geld gespart und mir ein bestimmtes Budget auferlegt. Im Frühjahr war das Geld aufgebraucht und im April verliess ich Paris und ging zurück nach Berlin. Die Wohnung stand aber noch ein Jahr zur Verfügung und so fuhr ich regelmässig jeden Monat für ein langes Wochenende zum Üben nach Paris bzw. andere Freunde vom Aikido nutzten die Wohnung. Lotto habe ich nie gespielt sondern sehr viel und hart gearbeitet mit der ständigen Vision vom eigenen Dojo.
Wie lebt man in Paris, als "aikidobetreibender Ausländer"? Wie bist Du mit der Anonymität dieser Riesenstadt fertig geworden?
Wie ich schon gesagt habe, das Leben war fantastisch jeden Morgen frische Croissants, dann ein kleiner Ausflug an die Seine, Kultur und Menschen beobachten, Bücher lesen, das gute Essen genießen etc.. Und natürlich ausruhen vom vielen Training. Es war nicht immer leicht, Kontakt mit den Leuten im Dojo zu bekommen, aber es ist mir trotzdem gelungen, insbesondere zu zwei ganz wundervollen Menschen, Marie Françoise Lipp und Pascal Marcias. Sie haben mich in den einsamsten Momenten (d.h., wenn ein Lehrgang zu Ende und alle Leute nach Hause zu ihren Familien gegangen waren) eingeladen und wir gingen gemeinsam essen und haben zusammen geredet. Sie zählen heute zu meinen besten Freunden. Auch habe ich einige Leute aus Finnland und Schweden kennen gelernt, zu denen ich heute noch enge Kontakte habe. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, noch länger in Paris zu leben, die Zeit reichte mir.
Bist Du von Christian Tissier als sein Schüler anerkannt worden? Wolltest Du das?
Natürlich wollte ich Schüler von Christian sein und ich fühlte mich auch so, jedoch hatte ich zu der Zeit keine Ahnung, was das wirklich bedeutet und wie man so etwas wird. Er war sehr großzügig und hieß mich herzlich willkommen im Dojo. Einen Moment werde ich nicht vergessen. Es war mein erster Abend im Dojo in Vincennes, ich war gerade angekommen und
voller Herzklopfen zum Dojo gefahren. Die Stunde begann und als Christian uns zum Üben aufforderte, hatte jeder einen Partner, nur ich saß plötzlich allein am Mattenrand. Augenblicklich stoppte er das Training, holte mich nach vorne, stellte mich der Gruppe vor und bat jeden, so intensiv wie möglich mit mir zu üben und mich auf keinen Fall zu schonen. Das veränderte die Situation im Dojo für mich völlig und die nächsten Wochen war ich immer froh, wenn die Stunde vorüber war. In jeder Stunde gab er mir einen kurzen Moment Aufmerksamkeit und lenkte meinen Fortschritt im Üben mit grosser Sorgfalt. Das war oft sehr hart, aber dafür bin ich heute sehr dankbar. Er erklärte mir sehr viel über das japanische Denken von Lehrer-Schüler-Verhältnis.
Wie siehst du heute die Arbeit von Christian, nach nun fast 10 Jahren "Erfahrungsammeln"? Ich meine, mir fällt immer wieder auf, wenn ich im Fernsehen z.B. etwas von ihm sehe, dass es "äusserst" sportlich "rüberkommt". Eine meiner Schülerinnen studiert jetzt in Nizza und trainiert in seinem Dojo, sie bezeichnet es als "Wettkampf-Aikido".
Er ist sehr sportiv und hält den martialischen Teil des Aikidos für sehr wichtig in seinem Unterricht. Aber ich würde es nicht als Wettkampf-Aikido sehen. Vielleicht herrscht unter seinen Schülern manchmal eine Atmosphäre von Wettkampf. Jeder möchte der beste Uke sein und Logik der Erklärungen von Christian am besten entsprechen. Aber ich denke, das ist normal, besonders, wenn ein hoher Anspruch an die Leistung vorhanden ist.
Vor 2 Jahren, ich war zufällig in Deutschland und bin mit einem Freund nach Frankfurt zu einem Christian-Lehrgang gefahren, fühlte ich mich danach wie geprügelt! Sind es seine Schüler oder ist es sein Training, wie siehst du das?
Wenn man nicht die nötige Erfahrung mit seiner Praxis hat, kann es leicht passieren, dass man seinen ganzen Körper unangenehm spürt. Er verlangt eine hohe Präsenz und sehr viel Körpertraining. Sein Rhythmus im Üben ist unberechenbar und daher kommt es schnell zu Blessuren.
Christian lädt doch Endo Sensei sehr oft ein, ist nicht der Stil der beiden vollkommen unterschiedlich?
Der Stil ist nicht so unterschiedlich. Wie schon gesagt der Rhythmus und die Geschwindigkeit in der Durchführung der Technik ist unterschiedlich. Endo Sensei legt sehr viel Wert auf einen guten Kontakt und Christian Tissier ermutigt uns auch, so stark wie möglich anzugreifen. Viele Techniken sind sehr ähnlich, nur die Stimmung während des Übens ist unterschiedlich. Bei Endo Sensei herrscht immer eine sehr entspannte Stimmung, bei Christian steigt oft der Stressfaktor und alle sind sehr ernst, jedenfalls habe ich das in letzter Zeit so erlebt.
Ich glaube verstanden zu haben, dass Du Endo durch Christian kennenlerntest?
Ja, das stimmt. Als ich in Paris war, kam Endo Sensei im Herbst nach Lille und dort stellte mich Christian Endo Sensei vor. Ich kann mich noch gut daran erinnern, es war sehr kalt und ausserdem war ich sehr aufgeregt. Als wir uns begrüßten und die Hände schüttelten, erschreckte Endo Sensei sich vor meinen kalten Händen und erklärte mir, wie man sein Ki schnell in die Hände schickt, um sie wieder aufzuwärmen. Während des Lehrgangs durfte ich öfters sein Uke sein und das war eine sehr schöne Erfahrung, zu erleben wie unkompliziert er mit mir während des Vorführens umging. Jede falsche Position als Uke wurde mit einem Lachen korrigiert und er passte seine Technik an mein Unvermögen an. Das hatte ich vorher noch nie erlebt.
Kannst Du Dich noch erinnern, was er Dir in Bezug auf Ki und warme Hände sagte?
Ich soll mein ganzes Ki in die Fingerspitzen schicken. Was mir dann später im Training auch gelang, denn er bot mir immer vollen Kontakt an und ermutigte mich dann noch kräftiger zu greifen. Dabei glühten die Hände nach kurzer Zeit.
War es dann Dein Ziel, von Paris zurückgekommen, so schnell wie möglich ein Dojo zu eröffnen?
Nein nicht unbedingt. Zuerst bin ich zurück nach Berlin und habe eine Zeit in Ostberlin an den Wochenenden unterrichtet. Dann kam die Überlegung auf, dort ein Dojo zu bauen, was aber nicht so einfach war, weil sich die Besitzverhältnisse zu der Zeit ständig veränderten und man keinen zuverlässigen Vermieter finden konnte. Dann zog mich die Liebe und der Drang nach Unabhängigkeit (vom Lehrer und Dojo in Berlin) nach Köln. Dort übte ich eine Zeit bei Hans Jürgen Klages und Dirk Kropp. Eine gute Freundin sagte dann aus Spaß, ich solle doch ein Dojo in Düsseldorf aufmachen, damit sie regelmäßig bei mir üben könnte. Wir kannten uns von Lehrgängen mit Gerd Walter und sie war gerade nach Düsseldorf gezogen. Aus dem Spaß wurde dann ernst, sie guckte in die Zeitungen, fand prompt die Anzeige über die Räume in der Helmholtzstr. 20 und machte vorsorglich einen Vorvertrag. Das passierte alles zu der Zeit, als ich gerade zum ersten mal wegen Aikido in Japan war (vorher war ich als Seemann schon dort). Die Räume hatten wirklich eine gute Atmosphäre und nach einiger Überlegung entschloss ich mich das Dojo zu eröffnen.
Es ist also Zufall, dass Du in der Helmholtzstrasse, der "Aikidoadresse" in Deutschland "gelandet" bist!
Vielleicht war es Zufall, vielleicht aber auch eine Fügung des Schicksals. Heute bin ich über meine Entscheidung ganz froh, für mich war es die richtige Aufgabe.
Ich muss Dir gestehen, dass ich Dein Dojo eigentlich nicht "wieder erkannt habe". Gut, ich war Jahre nicht hier und sicherlich spüre und empfinde ich heute ganz anders als vor 20 Jahren. Aber ich glaube mich nicht daran erinnern zu können, dass die Helmholtzstrasse damals diese Atmosphäre hatte. Ich denke, es hat viele Schweissperlen gekostet, um das daraus zu machen, was es jetzt ist?
An die Zeit möchte ich nicht zurückdenken. Es hat insgesamt 3 Monate gedauert, das Dojo in den heutigen Zustand zu versetzen. Eine irre anstrengende Zeit, da alles relativ ungeplant verlief und ich zu Anfang nicht wusste, was alles auf mich zukam. Doch auch dabei hatte ich viel Unterstützung von guten Freunden, bei denen ich mich heute noch mal ausdrücklich bedanken möchte. Trotz der grossen Schwierigkeiten, die immer wieder auftauchten, fügte sich alles zum Guten.
Hast Du Dich mit Deinem Dojo dem "Bundesverband der Aikido Schulen" (BdAS) wegen Gerd und Lothar, Yamaguchi Sensei, aus Gewohnheit, der alten Freunde wegen angeschlossen?
Nicht aus Gewohnheit. Ich versuche, möglichst nichts aus Gewohnheit zu machen. Nein, darüber gab es keinen Zweifel, die Beziehung zu meinen Lehrern war dafür entscheidend. Bevor ich anfing, mich mit der Gründung des Dojo tiefer auseinanderzusetzen, habe ich Gerd Walter als meinen Lehrer gefragt, was er darüber denkt und er machte mir Mut und versprach mich zu unterstützen. Ebenso alle anderen Lehrer des Verbandes.
Ich denke, der Verband ist eine gute Sache und hat schon viele echte Dojos hervorgebracht halt ein Verband von Profis.
Du sagtest, dass Du versuchst, nichts aus Gewohnheit zu machen. Wie kontrollierst Du das?
Ich muss das nicht kontrollieren. Es liegt in meiner Natur, mich immer wieder in Frage zu stellen, mich nicht in Zufriedenheit zu wälzen, offen nach aussen zu schauen, das Gespräch zu suchen, neue Kontakte zu knüpfen (wie zum Beispiel jetzt mit dir) das ist meine Methode, mich aus der Umarmung der Gewohnheit zu befreien. Immer wieder anzuschauen, was ich mache und mich natürlich trauen, Gewohnheiten zu überwinden, was nicht immer alle Menschen erfreut, aber vielen Leuten hilft, aus dem Tiefschlaf zu erwachen.
Du hast dich also nach dem ersten Japan-Aufenthalt für das eigene Dojo entschlossen. Hat Dir dieser Aufenthalt geholfen, ein Trainingskonzept zu entwickeln oder stand das wegen der Gewohnheit des Unterrichtens z.B. in Berlin-Ost?
Nein, ganz und gar nicht. Ich denke die Erfahrungen im Unterrichten kamen erst später, aber einen ganz wesentlichen Teil meiner Didaktik habe ich in Frankreich gelernt. Die Verbindung zu Gerd Walter und den japanischen Lehrern trug dazu bei, dass es eine neue interessante Unterrichtsform wurde. Wie ich schon sagte, verabscheue ich die Gewohnheit für mich lähmt sie alle Entwicklung daher habe ich grossen Wert darauf gelegt, mein eigenes Konzept zu entwickeln und nicht einfach zu kopieren. Als ich vor zwei Jahren einen Lehrgang im Dojo von Gerd Walter gab, hat es mich am meisten gefreut, das einige seiner alten Schüler auf mich zukamen und mir meine eigene Handschrift bestätigten.
Wie war der Anfang, mit dem "eigenen Dojo", war es nicht sehr schwierig: ökonomisch, persönlich? Spürtest Du eine Veränderung?
Alle Konzentration galt natürlich dem Dojo und die erste Zeit habe ich noch halbtags gearbeitet und bin regelmässig nach Paris zur Fortbildung gefahren. Das kostete sehr viel Kraft. Auch der finanzielle Druck war nicht unerheblich und heute frage ich mich manchmal, wie ich das nur aushalten konnte. Es fehlte einfach sehr viel an Erfahrung nur der Wille ein gutes Dojo aufzubauen trieb mich voran. "Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg" aber ich denke heute man sollte ruhig mal einen Umweg machen. Der Wille stoppte mich dann auch eines Tages und ich erwachte auf der Intensivstation im Krankenhaus. Diese Zwangspause brachte die eigentliche
Veränderung. Vorher haben mir schon viele Leute geraten, weniger zu machen und mehr auf mich zu achten, aber ich habe geglaubt, dass ich unheimlich stark bin und fast wäre ich an meiner eigenen Energie gestorben.
Wie würdest Du den Unterschied zwischen Deinem "neuen" und Deinem "alten" Training bezeichnen, aus heutiger Sicht?
Nach der Zwangspause hatte ich stark an Gewicht verloren und die ersten Stunden im Training zeigten mir deutlich, was es heisst ohne Kraft zu üben
Zwei Monate nach dem Krankenhausaufenthalt war ich bei Meister Yamaguchi in Mannheim und das erste mal konnte ich etwas verstehen, weil ich keine Kraft hatte, sondern froh war, den Lehrgang überhaupt durchzuhalten. Meine Art zu üben hat sich dann eigentlich nicht so stark verändert, da ich schon vorher Wert auf weiche Bewegung gelegt habe, aber die innere Einstellung beim Üben das Vermögen mehr zu fühlen und zu reflektieren. Aus heutiger Sicht kann ich niemandem diesen Weg der Erfahrung empfehlen, aber für mich war es wohl nötig und verständlich.
Kannst Du Dich noch erinnern, was Du spürtest? Hat sich Yamaguchi Sensei zu Deiner "Veränderung" geäussert?
Nein, er hat nur gelacht und den Kopf geschüttelt als er davon hörte. Aber nur sehr wenige Leute wussten von der Ernsthaftigkeit und der Nähe zum Tod während der Erkrankung.
Hast Du zu Beginn Deiner "Aikidozeit" eine Technik besonders geliebt, an die Du Dich noch heute erinnerst?
Am liebsten habe ich immer Kokyu-nage geübt, weil man dabei spontan reagieren musste und das Gefühl von Entspannung und Spannung besonders deutlich wurde. Aber generell haben mich die Techniken als Techniken nie besonders interessiert, d.h. möglichst viele Varianten zu beherrschen und die absolute Präzision anzustreben. Vielmehr interessierte mich, was an innerer Bewegung passiert, wie ich den Kontakt zum Partner fühle und wie ich mich möglichst schnell von der äusseren Technik befreien kann. Techniken können wie ein Korsett sein und einen manchmal nur einengen. Für mich sind sie mehr wie ein grobes Gerüst und je mehr Zeit man sich nur einer Übung bzw. Technik widmet, um so mehr stellt man fest, was es alles zu lernen gibt. Meister Yamaguchi sagte uns oft, es reicht wenn wir Ikkyo üben, wenn wir Ikkyo verstehen dann verstehen wir alle anderen Techniken auch.
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Last updated: April 16, 2002
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